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Text von Uwe Anhäuser, Hunsrück und Naheland, DuMont-Kunst-Reiseführer, 1987




Zwischen Alsenz und Appel


Vom Donnersberg (686 m) nehmen die Täler von Alsenz und Appelbach einen zwar eng benachbarten und fast parallelen Verlauf zur unteren Nahe hin, prägen aber einen jeweils unterschiedlichen charakteristischen Landschaftswinkel. Während die Alsenz zwischen Hochstätten und Bad Münster am Stein-Ebernburg streckenweise unter schönen Waldhängen dahinrauscht, schlängelt sich der Appelbach in weiten Bögen östlich Bad Kreuznachs durch sehr offene Gemarkungen, welchen es aber an Idyllen keineswegs mangelt.

Unweit Ebernburgs springt in Altenbamberg die Alsenz noch heute an derselben Stelle über ein Wehr, an dem schon vor fast zwei Jahrhunderten Zeichner gesessen und die über dem malerischen Vordergrund auf ihrem baumbestandenen Burgberg ragende Altebaumburg als Motiv festgehalten haben. 1981/82 ist den bist auf das Jahr 1129 zurückgehenden Ruinen die stilvolle Rekonstruktion des Palasgebäudes mit Treppengiebeln und Treppenturm hinzugefügt worden (Restaurant). Die Stammburg der 1358 ausgestorbenen Raugrafen kam später an Kurpfalz und wurde 1689 durch die Franzosen zerstört. Im Dorf drunten zweigt sich die kleine katholische Kirche (1783) mit einer von Pilastern gegliederten Giebelwand unter einem Dachreiter.

Talaufwärts zweigt an einer Gabelung im Wald von der B 48 die B 428 in Richtung Fürfeld ab. Im Eck zwischen diesen zwei Straßen liegt Hochstätten gleichsam zwischen Wald und Wein. Seine Pfarrkirche (1772) wurde einem aus romanischer Zeit überkommenden Turm mit Satteldach und kleiner Haube angebaut; im Inneren findet sich eine von Philipp Daniel Schmidt aus Meisenheim 1777 aufgestellte Orgel. Nach Fürfeld zieht die Straße von hier die Waldhügel hinauf und später über immer baumärmere Hügelrücken. In der zur Pfalz zählenden Umgebung gibt es alte Dörfer mit kunsthistorischen Blickpunkte in Hülle und Fülle: Abstecher sind zu empfehlen nach Alsenz, Sitters, Münsterappel und Gaugrehweiler.

Fürfeld selber, das man bald nach Passieren eines Waffendepots der Us-Streitkräfte erreicht, besitzt zwei jeweils bemerkenswerte Kirchen. Sie wurden zur selben Zeit, nämlich 1774-76m errichtet. Grund dafür war ein (nicht nur) örtlich intensiv ausgetragener Religionsstreit, der letztlich durch eine gemeinschaftliche 200-Jahr-Feier 1976 seine offizielle Beilegung erfuhr. »Die Zeit ist reif dafür, dass die Gräben zwischen den einzelnen Konfessionen zugeschüttet werden und Christen der verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften Zugang zueinander finden.« Diesen Satz formulierten und unterzeichneten der evangelische und der katholische Ortsgeistliche in der zum Jubiläum erschienenen Festschrift. Beachtung verdient diese Zusammenfassung insofern auch, als sie von der Beharrlichkeit der Gegensätzlichen zeugt, das letztlich doch ›nur‹ durch die von einstigen Landesherren befohlene Hinwendung der Untertanen zum protestantischen oder zum Verbleib beim katholischen Bekenntnis aufgeworfen worden ist. Wie auch immer: Fürfeld verdankt jener Sachlage jedenfalls zwei ansehnliche Gotteshäuser, das evangelische mit einer vorzüglichen Ausstattung (1782) durch Altar, Kanzel und Orgel des bekannten Saarbrücker Meisters Johann Georg Geib, und das katholische als edlen Saalbau mit wertvollen Barockfiguren und einem Schnitzaltar (um 1500) aus dem Frankfurter Dom (hl. Anna selbdritt).

Von Fürfeld ins Appelbachtal, vorüber am Thalerhof, senkt sich die Landstraße in anmutige Wiesenauen. Dort lieg Hof Iben am Standort einer für 1258 als Wasserburg der Tempelritter bezeugten Anlage. Im 14. Jahrhundert Besitz der Raugrafen, seit 1704 der Schenken von Schmidtburg und nunmehr längst als bäuerliches Gut in Privateigentum, gibt sich die ländliche Gebäudegruppe nicht auf Anhieb als historische hervorragende Stätte zu erkennen. Lediglich die zwischen den Dächern aufragende Kapellenspitze lässt von fern das Besondere erkennen. Sie gehört als Dachreiter auf dem Giebel zu einem wahrhaften Meisterwerk der Gotik, das deutlich champagneske Merkmale trägt und in der jüngsten Zeit dem Naumburger Meister zugeschrieben worden ist.

Diese einstige Burgkapelle am Appelbach untersteht heut der rheinland-pfälzischen Schlösserverwaltung und kann tagsüber jederzeit besichtigt werden. Im Grunde stellt sie den Chor eines im 19. Jahrhundert abgerissenen romanischen Langhauses dar und zählt neben der Trierer Liebfrauenkirche und der Elisabethkirche in Marburg »zu den Inkunabeln des gotischen Stils in Deutschland«. Das Äußere ist zwar charaktervoll, doch eher schlicht, wenngleich es einen lebendigen Kontrast zu den umgebenden rustikalen Gebäuden darstellt. Der kleine Innenraum ist von bedeutender Eleganz mit seinen schlanken Eckdiensten und Achtecksockeln, darüber die Birnstabrippen des Gewölbes. Und von ganz außergewöhnlichen Zartheit sowie völlig unversehrt erhalten sind die großartigen gestalteten Kapitelle mit ihren naturalistischen ausgeformten Blattwerk. Weinlaub ziert das Gesims, feingliedrig gearbeitet wie auch das Maßwerk der Fenster - Iben ist ein einziges Schatzkästlein der frühgotischen Steinmetzkunst. Zusammen mit der ehemaligen Abteikirche in Offenbach/Glan ist diese kleine Kapelle ein kunsthistorischer ›Meilenstein‹ auf dem Weg, den das in Frankreich entwickelte hochgotische Formengut zu den deutschen Bauhütten genommen hat.

Dem Appelbach abwärts folgend, gelangt man vom Hof Iben rasch nach Neu-Bamberg, dem ›Neve Boineburg‹ der Raugrafen von 1253. Unter den kolossalen Ruinen entwickelte sich der mit schönen Häusergruppen gefällige Ort, von dessen Wehranlagen noch einige Reste und der Torturm der Kandelpforte (14. Jh.) geblieben sind. Unter den gediegenen Wohnbauten des 18. Jahrhunderts fällt das einstmals kurmainzische Amtshaus als voluminöser Barockbau (um 1720) besonders auf. Eine neugotische Burgkapelle (18./19. Jh.), heute katholisches Gotteshaus, fusst auf dem Bau des 13. Jahrhunderts. Die evangelische Pfarrkirche steht in einiger Entfernung vom Ort am Hang und gehörte vormals zu einem untergegangenen Dorf namens Sarlesheim. Im Untergeschoß ihres Turmes (13. Jh.) fanden sich Reste von Fresken; das Schiff (18. Jh.) birgt einen Sakramentsschrein (15. Jh.) und eine Stumm-Orgel von 1765.

Zurück zur Kandelpforte: Vor dem historischen Standort biegt die Straße nach Frei-Laubersheim ab, einem gleichfalls sehenswerten Ort mit vielen alten Bürgerhäusern (17./18.Jh.), einem stilvollen Rathaus (1603) und einer reich ausgestatteten Kirche neben einem ehemaligen Wehrturm (13.Jh.) Hier erreicht man auch wieder die B 428, die über Hackenheim nach Bad Kreuznach führt.

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